Vermögen uns die Asienwissenschaften
eine neue Aufklärung zu verschaffen?
Von Nold Egenter
EINLEITUNG
"Asienkompetenz". Dies war kürzlich der begriffliche Kernpunkt einer Tagung in Zürich. Vertreter der Wirtschaft trafen sich mit Exponenten der Asienwissenschaften zum Diskurs. Erstere wünschten sich mehr Zusammenarbeit zwischen Hochsschulen, Industrie und Markt, die Universitäten sollten ein "Business Asia Program" bereitstellen. Doch, recht schnell wurde aus den Vorträgen der Asienwissenschaftler klar, dass geschichtliche Voraussetzungen, gesellschaftlicher Auftrag, Forschungsinhalte und Methoden der Asienwissenschaften sehr viel anders strukturiert sind als die stark von kurzfristig-dynamischen Strategien und pragmatischen Anforderungen geprägten Standpunkte der Wirtschaft. Asien hat drei der wichtigsten Hochkulturen hervorgebracht, die für die europäische Kulturforschung immer noch eine Herausforderung sind. Die Asienwissenschaften sind entsprechend selbst methodologisch enorm im Fluss, sodass auch von hier aus die an sie herangetragenen Erwartungen nach 'Asienkompetenz' eher unrealistisch sind.
Etwas, das gleichsam die Grundproblematik bildete und immer auch, gerade im Hinblick auf die Asienwissenschaften, von entscheidender Bedeutung ist, fand jedoch an der Tagung keine Erwähnung. Es soll hier speziell diskutiert werden: die Strukturproblematik von Natur- und Geisteswissenschaften.
Letztlich geht es in diesen Disputen auch immer um den Vorwurf der Nicht-Effizienz. Man denke etwa an die sog. 'Evaluation' der Humanfächer vor einigen Jahren, eine Ungeheurlichkeit, die man erst versteht, wenn man etwa Platon oder Aristoteles im Nachhinein 'evaluieren' wollte. Die naturwissenschaftlichen Fächer mit Industrialisierung und Technologie profitieren heute wesentlich davon, dass sie sich ethisch relativ wertfrei entfalten konnten und immer noch können <1>. Dagegen sind die Geisteswissenschaften in wichtigsten Bereichen ethisch gebunden. Sie sind strukturell stark von ihren scholastisch historistischen Voraussetzungen geprägt geblieben und diese Bindungen werden von entsprechenden Interessen vehement verteidigt. Hier wird im folgenden die Auffassung vertreten, dass es zum Einen diese unzeitgemässen Bindungen sind, die die Geistewissenschaften in mancher Hinsicht unproduktiv und retardiert erscheinen lassen und dass zum andern - besonders bezüglich der Asienwissenschaften - strikt anthropologisch definierte Methoden denkbar sind, die diese Problematik aufzuklären vermögen und unter Umständen den Humanfächern mehr Klarheit verschaffen könnten.
Nicht nur die relativ spät explizit formulierte Trennung in Geistes- und Naturwissenschaften (Schiel 1849, Dilthey 1883), auch die fragmentierende Struktur der Disziplinen, beide sind wesentlich das Resultat einer über Jahrhunderte dauernden Auseinandersetzung zwischen der ursprünglich im engsten Sinne als "historische Wissenschaft" betriebenen scholastischen Theologie und den mit Renaissance, Humanismus und Aufklärung allmählich aus deren absolutem Anspruch herausgelösten Domänen der Forschung. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass das ganze europäische Erziehungssystem im Mittelalter über nahezu tausend Jahre in den Händen von Kirchen- und Klosterschulen lag.
Die Geschichte der Medizin, vor allem die frühen Anatomie- und Sektions-Kurse am ‚Geschöpf Gottes‘, versteckt vorgenommen in düstern Kellern, zeigen am deutlichsten diesen Ablösungsprozess der Naturwissenschaften. Ähnlich in der Astronomie und Physik. In ihren Anfängen galt die Himmelsmechanik sowohl bei Kopernikus, Bruno, Galilei und Kepler, als höchst idealisiert, als mathematische, somit göttliche Ordnung. Erst bei Newton - wurde sie zusehends profan mechanisch verstanden. Die Kirche hat diese Entwicklung aus der Sicht ihrer geozentrischen Schöpfungsgeschichte bekämpft, hat aber später von der damit verbundenen perzeptiven Raumausdehung enorm profitiert, indem die Verlagerung der Metaphysik ins neu begründete Universum ihr Postulat des Gottesreiches auf Erden gleichsam automatisch auf die Kugelgestalt der Erde ausdehnte.
Die Geisteswissenschaften blieben demgegenüber weitgehend im Banne
von Religion und Ethik. Etwa die Kunst bis heute, mit ihrer platonisch
deduzierten 'pseudotheologisch-subjektiven' Aesthetik und ihrem postmedieval
profanisierten 'Renaissance Mythos des Künstlers als profanisiertes
Schöpfergenie'. Solche Konzepte blieben durchaus mittelalterlich-absoluten
Denkmustern verhaftet, mit katastrophalen Auswirkungen im modernen Städtebau
wie in der Architektur. Ganz besonders auch die Psychologie, soweit sie
in gewissen Bereichen mit autonomen Abstrakta angereichert erscheint,
ebenso auch Staats- und Wirtschaftstheorien und Rechtstheorien soweit
sie sich direkt auf Natur als Schöpfung beziehen. Stark historistisch
geprägt blieb auch die Geschichte mit den entsprechenden Hilfsfächern
Archäologie und Vorgeschichte. Fächer wie Ethnologie, Indologie,
Japanologie, Sinologie sind weithin eurozentrisch scholastische Projektionen
geblieben.
DIE PROBLEMATIK DER SOG. GEISTESWISSENSCHAFTEN
Das gewachsene Disziplinengefüge der europäischen Geisteswissenschaften wird meist sehr unkritisch, ja oft geradezu naiv, auf andere Kulturen projiziert. <2>
Eurozentrische Projektionen: Idealisierungen
Es zerreisst und zerhackt so in andern Kulturen ganz anders gewachsene Zusammenhänge <3>, es projiziert auch vielfach mit unzulässigen Idealisierungen die euroscholastische Absolutierung des Geistes auf nichteuropäische Sachverhalte. Gerade in den Asienwissenschaften wurde das sehr deutlich. Im Folgenden einige Beispiele:
Der Autor hat sich rund 10 Jahre raum- und siedlungsanthropologisch mit der japanischen Agrarsiedlung beschäftigt. In dieser phänomenologisch offenen Perspektive wird man ständig mit eurozentrischen Einordungsproblemen konfrontiert, indem der etablierte 'Apparat' bestimmte Beziehungen nicht zu 'schlucken' vermag. So wurde etwa die vom Autor veröffentlichte Studie über die territorialen Demarkationen von 100 Dörfern in Zentraljapan im Rahmen von jährlichen Shintokulten zwar religionstheoretisch als fundamentaler Beitrag anerkannt (Zwi Werblowsky, Numen; Th. M. Ludwig, Hist. of Religions), doch, die mindestens so wichtige aesthetisch-anthropologische Dimension wurde negiert. Es ist aus westlicher Sicht schlichtweg undenkbar, Religion in einem grundlegenden Bereich im engem Zusammenhang mit Aesthetik zu behandeln! Der siedlungsanthropologische Hauptansatz der Studie ist nur schwer verständlich, nämlich, dass in traditionellen (oder vorgeschichtlichen) Agrargesellschaften Ontologie (dh. Weltbild, Philosophie, Religion), mit Kunst, Architektur und lokalem Raum, wie auch mit der örtlichen Sozialhierarchie und (Terrritorial-) Politik ganz eng verflochten als Komplex im Zusammenhang erscheinen können und entsprechend dargestellt werden müssen. Man begreift nicht, dass gerade dies ein fundamental neuer methodologischer Ansatz sein könnte. <7> . Um diese euro-disziplinäre Problematik aufzudecken, hat der Autor die in Japan aufgearbeiteten Paradigmen in den euro-mediterranen Kulturraum verschoben, woraus ein sehr plausibles Gefüge enstand, das man zweifellos zur Kenntnis nehmen wird, weil es die eigene Kultur betrifft. <8>
Eurozentrisches Wertsystem
Damit wird ein weiterer Zug der europäischen Geisteswissenschaften klar: sie sind vielfach nicht wissenschaftlich objektiv und neutral, sondern weithin, und gerade, wo es um fremde Kulturen geht, ein eurozentrisches Wertsystem. Was den 'hohen Standards‘ der europäischen Norm nicht entspricht, wird abgewertet. Am deutlichsten zeigt sich dies in Begriffen wie 'hohe' Religion und 'primitive' Religion, 'hohe' und 'niedere' Kunst, 'Geschichte' und blosse 'Tradition', oekonomisch in den Bezeichnungen 'erste' und 'dritte Welt'. Der Beispiele sind Legion. Elementarste Forderungen nach wertfreier Objektivität werden in den geisteswissenschaftlichen Fächern laufend schwer verletzt. Dies gilt auch für die eigene Kultur, für das Verhältnis von Stadt und Land, etwa in den herkömmlichen volkskundlichen Theorien. <9> Jeder, der aus eigenen oder fremden Kulturerfahrungen ein kritische Verhältnis zu diesem Wertsystem hat, ist sich wohl recht klar darüber, was dieses in der Welt über Jahrhunderte anrichtete und auch heute noch anrichtet. Es hat mit objektiver Wissenschaft sehr wenig zu tun!
Eurozentrische Historismen
Ein weiteres Handicap der Geisteswissenschaften - die Überbewertung der Geschichte - bezieht sich ebenfalls vom scholastischen Mittelalter, in welchem - legitimerweise (man hatte keine andere Quellen) - die geschriebene Geschichte die Grundlage für das gesamte Weltbild war. Religion lieferte mit der Schöpfungsgeschichte sowohl die Kosmologie, Geologie, Biologie, wie auch die Anthropologie (Adam und Eva). Dieser unerschütterliche Glaube des Mittelalters an die Historie lebt paradoxerweise fort, nicht nur bei den Ungebildeten! Er war auch etwa in der philologischen Orientalistik noch weitgehend manifest, spielt auch heute noch in unser modernes Geschichtsbewusstsein hinein, etwa in der Religion, am verheerendsten im amerikanischen 'Creationism' (Skandal der Kansas-University August 1999!) usw., <10> obschon sich hier längst die '5 Wissenschaften' (Kosmo-, Geo-, Bio-, Anthropo-, Archäo-logie) mit in die Milliarden und Millionen von Jahren zählenden 'Geschichten' hereingeschoben haben <11>. Auch etwa der eher naive Glaube der Archäologen, man könne mit dem aufs Dauerhafte beschränkten Grundbegriff 'materieller Kultur' die menschliche Vorgeschichte ergraben, gehört hieher. Das was die Kulturentwicklung des Menschen trug, war, mit höchster Wahrscheinlichkeit - inklusive der Grundlagen ontologischer Höchstwerte - nicht dauerhafter Natur. Man wird also, will man das Grundaxiom der Vorgeschichte bewahren, wonach sich Kulturentwicklung über die materielle Kultur aufschlüsseln lässt, den entsprechenden Grundbegriff sehr viel weiter, nämlich anthropologisch, resp. ethno-prä-historisch definieren müssen (s. Egenter 1999 Habitat anthropology and the anthropological definition of material culture [im Internet]).
Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass die Historie frühe Quellen meist heroisch als Anfänge propagiert, was sich anthropologisch gesehen oft als Rückprojektion erweist. In der Sinologie hat etwa Hermann Koester in seinem 'Chinesischen Universismus' auf die Problematik hingewiesen. Die chinesische Frühzeit sei noch stark von der agraren Dorfwelt bestimmt gewesen. Entsprechend müsse man die in den späteren Texten enthusiastisch verherrlichenden Beschreibungen der goldglänzenden Riesenpaläste mit höchster Vorsicht aufnehmen. Sie seien wohl einfach Hütten gewesen, die man aber - um ihre gesellschaftliche und ontologische Hochwertigkeit zu kennzeichnen - über polare Strukturen in Analogie setzte mit räumlich weiteren polarharmonischen Relationen wie Himmel und Erde. Dies erlaubte späteren Generationen ihre Vergangenheit rückprojizierend zu glorifizieren.
Ein anderes Beispiel: bis vor kurzen hat die vornehmlich historisch-philologische Japanologie die frühen Kaiser- Chroniken Japans noch als Mythen interpretiert. Das ist inzwischen von verschiedener Seite her fragwürdig geworden. Deutlich zeigt jedoch die frühe Siedlungsordnung, dass die 'religiöse Sprache' dieser Texte mit ihren Götternamen sich an einem territorialen Demarkationssystem orientiert, das sich auch heute noch im agraren Shinto traditionell erhalten hat. Die kaiserlichen Chroniken beschreiben auf der Ebene der damals praktizierten Territorialverfassung den imperialen Überschichtungsvorgang der ehemaligen Länder (kuni), der schliesslich in der klar territorialrechtlich bestimmten Taika Reform mündet. In dieser bemächtigte sich das Kaiserhaus de lege zwecks Besteuerung gesamtjapanisch des bebaubaren Ackerlandes. Der zentralistisch aufgebaute Buddhismus spielt in diesem Prozess eine entscheidende Rolle, indem er die mit der Agrar-Besiedlung der Inseln (in den Yayoi-, und Kofun-Perioden) dezentral gewachsenen Shinto Verfassungen ausser Kraft setzt. <12>
Raumproblematik
Ein weiterer wichtiger Problempunkt der europäischen Geisteswissenschaften ist die Raumproblematik. Sowohl in der Religion und Religionswissenschaft, wie in der Mythen- und Symbolforschung, übersetzt man antike Texte, seien es babylonisch assyrische, altägyptische oder hebräische, etwa sog. Schöpfungsmythen mit modernen universellen Raumkonzepten, die jedoch historisch erst spät entstanden sind (Europa 14. Jhdt.). Die ursprünglich meist als Rechtstexte von Siedlungsgründungen u. dgl. konzpierten Texte werden dadurch völlig entstellt, meist bestimmten Interessen dienstbar gemacht. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Asienwissenschaften, sowohl dort wo man sich historisch mit antiken Hochkulturtexten beschäftigt, wie auch in der Ethnologie wo man Verbaltraditionen asiatischer Randvölker übersetzt.
Der Kultubegriff als Mädchen für alles
Es ist schliesslich auch der eurozentrische Kulturbegriff selbst, der, als heterogenster Sammelbegriff zwar längst entscheidend kritisiert (Kroeber/Kluckohn 1952, 1962/3) dennoch immer noch, auch in den Asienwissenschaften, eifrig und ganz unkritisch verwendet wird, indem ihn das westlich analytisch differenzierend vorgehende Erkennen endlos mit kulturellen Differenzen vollpackt. Es entsteht ein Riesengepäck aus dem sich jeder nach Belieben bedient, um je nach Belieben Beliebiges nachzuweisen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir stecken im Westen noch tief
in einer historistisch kulturvergleichenden System, das sich seiner gewaltigen
Projektionen nie bewusst geworden ist. In der Ethnologie der 80er Jahre
ist diese Problematik aufgebrochen (Schmied-Kowarzik/ Stagl 1981), doch
ist sie nach kurzer Zeit wieder erloschen. Relevante Aktionen wurden nicht
in die Wege geleitet. Das einzige Ergebnis vielleicht, ein theoretisches
Krüppelkind, die sog. Urban-Ethnologie.
SIEDLUNGSANTHROPOLOGIE:
EIN VORSTOSS IN RICHTUNG OBJEKTIVER KULTURFORSCHUNG
Die hier vorgebrachten kritischen Einwände gegen die europäischen Geisteswissenschaften und ihre problematischen Projektionen auf die Asienforschung stützen sich wesentlich auf siedlungsanthropologische Arbeiten des Autors. Sie beruhen auf der von O. F. Bollnow entwickelten 'Raumanthropologie' (Mensch und Raum 1963) und auf Feldforschungen, resp. Untersuchungen toposemantischer Territorialmarkierungen im japanischen Agrar-, Urban- und Imperialshinto. Dabei wird das, was die frühere Religionsgeschichte nur oberflächlich theologisch und universell primitivisierend vermerkte (Lebensbaum Komplex) am Idealfall Japan (Abschlusspolitik) einer objektiven raum- und siedlungsanthropologischen Untersuchung unterzogen und als kultisch bestimmte, sach-traditionelle (dh. nicht-schriftliche) Lokal-Verfassung beschrieben.
Dieses universell anwendbare Konzept hat sich in sehr verschiedenen Kulturen als ausserordentlich fruchtbar erwiesen, indem nicht nur ethnologisch, historisch und archäologisch sehr ähnliche Demarkationspraktiken, aufgewiesen werden konnten, sowohl in Asien (Indien, Japan, China) wie auch in Europa und ebenso archäologisch im Alten Orient und Aegypten. Auch die entsprechenden 'territorio-sozio-semantischen' und 'spatio-structuro-symbolischen' Bedingungen sind in höchstem Masse ähnlich. Auch die weiteren Entwicklungen die sich aus diesen Grunddispositionen ergeben, sind interkulturell durchaus vergleichbar (e.g. soziale Hierarchie und Siedlungsgründung: sog. „settlement core complex“). Die Methode jedoch, mit möglichst objektiven Parametern interkulturell siedlungsanthropologisch vergleichend zu arbeiten, stösst in den herkömmlichen Asienwissenschaften nicht überall auf Verständnis, weil man immer noch völlig auf das Gefüge der Disziplinen fixiert ist.