Eine Studie der EG-Kommission kam vor mehreren Jahren zum Schluss, die Japaner lebten in >Kaninchenställen<. Sie stützte sich wesentlich auf statistische Untersuchungen, die zeigten, dass der durchschnittliche Wohnraum in städtischen Ballungen für eine vier-köpfige Familie kaum 40 Quadratmeter beträgt. Man war erstaunt. "Wieso bekennen zwei von drei Japanern, dass ihnen ihr Leben gefalle, dass sie allgemein zufrieden seien?" Hält man sich vor Augen, dass die entsprechende Familie in Europa rund 100 Quadratmeter, also zweieinhalbmal soviel, verwohnen würde, so könnte man die Gegenfrage stellen: sind wir Raumverschwender? Warum kommt die städtische Kleinfamilie Japans statistisch gesehen mit sehr viel weniger Wohnfläche aus und fühlt sich dennoch wohl? Man übersieht bei solchen rein quantitativen Vergleichen allerdings gern, dass gerade das Raumbedürfnis eng mit der baulichen Ausrüstung zusammenhängt und diese ergibt sich wesentlich aus der spezifischen Kulturtradition. Um das zu illustrieren, gibt es kaum ein geeigneteres Beispiel als gerade Japan. Dessen Bau- und Wohnkultur hat sich unter ganz anderen kulturgeographischen Bedingungen entwickelt als etwa die mitteleuropäische (2)
Leider gibt es in der heutigen Architekturausbildung noch kein Lehrfach Bauethnologie oder Architektur-Anthropologie. Die westliche Architekturtheorie ist ganz auf die europäisch-mittelmeerräumliche Baukunstgeschichte fixiert. Systematische Vergleiche zu aussereuropäischen Kulturen könnten aber nicht nur unser eigenes Verständnis von Entwurfsprinzipien relativieren, es könnte dies auch befruchtende Einsichten liefern, wie das Folgende zeigen möchte.
Einflüsse der hochentwickelten, buddhistischen Tempel-Architektur chinesischer Provenienz sind seit dem 8. Jhdt. vor allem auf die Residenz- und Palastarchitektur der Nara- und Heian-Perioden (shindenzukuri) evident und haben in den Kamakura- und Muromachi-Perioden durch Diffusion der nun in verschiedenen Sekten differenzierten Tempelarchitektur ins Hinterland sowohl die populäre Architektur der Dörfer und Kleinstädte (minka) wie auch natürlich das urbane Bürgerhaus (ch™ka) und die feudale Palastarchitektur des Mittelalters (shoin- und sukiya-tsukuri) beeinflusst.
Doch, da der chinesische Tempelbau seinem Wesen nach auch Holzständerbau war, so hat sich selbst das moderne städtische Wohnhaus von seinen bäuerlich-dörflichen Vorgängern (Fig. 2, 3) nicht weit entfernt. Hinzu kommt, dass der mittelalterliche Feudalismus in den Provinzen verwurzelt war. Auch dies förderte die Verbreitung einer städtischen Wohnform, die sich stark an die ländlichen Traditionen anlehnte. Erst der Import moderner westlicher Architektur hat in den Villen westlich orientierter Eliten und den grossen Mehrfamilienblocks der Satellitenstädte dem Wohnen den Massivbau beschert: ein kaum abzuschätzender Bruch! Wie zäh aber japanisches Bauen am Holzständer hängt, zeigt der neuere, meist zweistöckige Einfamilienhausbau, wie er über weite städtische Gebiete verbreitet ist. In Serien fabriziert, sehen diese Häuser dem westlichen, verputzen Backsteinhaus ähnlich. Das ist jedoch nur Schein. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die verputzte Hauswand als traditionelles Holzfachwerk. Wie in der herkömmlichen Bauweise und im buddhistischen Tempelbau sind zwischen Traghölzern die Zwischenräume über einem Bambusgeflecht mit stroharmiertem Lehm ausgefacht. Modernität ist also nur äusserlich. Die Konstruktion bleibt der Tradition verpflichtet.
Auch Grundriss und Nutzung bleiben weitgehend herkömmlich. Nur die Küche und manchmal auch der Essplatz sind - nach amerikanischem Vorbild - modern, die übrigen Wohnräume für Arbeit, Schlafen und Geselligkeit halten sich an das Bewährte. Der Boden ist mit Strohmatten belegt, man isst und trinkt hockend an niederen Tischen, man schläft auf dem Boden wie eh und je. (4)
Wir sehen, japanisches Wohnen bedeutet weithin Tradition, so als lebten wir in unseren mitteleuropäischen Städten noch in modifizierten Chalets. (5) Auch der Architekt als Entwerfer hat in diesem traditonellen Wohnbau Japans nichts zu suchen (6). Der Handwerker entwirft das Haus nach althergebrachten Regeln, ähnlich wie das bei uns in den Bergtälern über Jahrhunderte galt.
Warum aber hielt man herkömmlich an den autochthonen Bau- und Wohntraditionen so zäh fest? Man könnte sagen: weil Wohnen mit den hergebrachten Sitten eng verbunden ist. Was aber sind Sitten? Hier spielt etwas mit hinein, das sich bei gelegentlichen Besuchen von Familien und Häusern eben nicht mitteilt. Das japanische Wohnhaus ist immer auch mehr oder weniger Shinto-Kultanlage und buddhistischer Tempel.