Den Hässlichen gegenübergestellt sind die Schönen. Ihre
Gruppen bestehen aus weiblichen und männlichen Figuren. Weibliche
Typen zeigen dekorative Aufbauten auf ihren Schultern mit figürlichen
ländlichen Szenen unter dem leer gelassen Bogen. Die mönnlichen
figuren tragen farbenreiche Platformen auf dem Kopf, auf denen meist ein
Hausmodell im natürlichen Holzbau steht. Obschon alle Figuren von
jungen Männern dargestellt werden tragen die 'Frauen' entsprechende
Kleider und weibliche Masken, wogegen die Männer männliche Kleidung
und riesige flache Glocken (Treicheln) auf Brust und Rücken tragen.
Die 'Frauen' haben kugelige Glocken (Schellen), die auf einem breiten Ledergurt
montiert sind und helle Klänge produzieren. Rechts der Bauer des Hauses
vor seiner Tür. Diese Gestalten bringen etwas stark zauberhaftes in
die dörfliche Umgebung.
Die als Frauen verkleideten 'Schönen' haben einen goldenen 'Himmels'-Bogen
über einem trapezoiden Gestell das auf den Schultern ruht und als
Platform gilt für die figürlichen Darstellungen von bäuerlichen
Szenen im leeren Bogenfeld das wie ein kleines Theater wirkt. Die nach
aussen vor-stehenden Gebilde erinnern an Wolkendarstellungen in der asiatischen
Kunst.
Niemand der sie je in der natürlichen Umgebung ihres ländlichen
Orts gesehen hat, wird diese farbenprächtigen Figuren je vergessen.
Ihr Stolz lässt sich an ihren Haltungen ablesen. Zum einen sprechen
sie von einem sozialen Prozess der kulturellen Überschichtung. Eine
bäuerliche Gesellschaft erscheint mit ihren eigenen zyklischen Werten,
ihren täglichen Normen und ihren Zäsuren festlicher Antinomien.
Dies zeigt sich kombiniert mit einem elitären, urban-historischen
Element, das eng auf die Grundstruktur des Ritus bezogen ist und so einen
enormen Kontrast hervorruft. Gerade diese Spannung macht das Ereignis besonders
interessant und auch schön. Zum andern sind jedoch die Motive hinter
dieser Überschichtung recht klar. Sie gehören in die alte städtische
Geschichte der Kontrolle der bäuerlichen Schichten durch Abwertung
ihrer traditionellen Kultur (s. 'rural-urbane Dichotomie), und entsprechend
ihrer Dienstbarmachung.
Das Grundmuster des Festes ist immer gleich für alle Gruppen. Hier
besucht eine Gruppe von Schönen eines der teilweise weit auseinanderliegenden
Häuser auf ihrem Gang. Sie bewegen sich hektisch, machen Lärm
mit ihren Glocken. Man wärmt sich auf mit einem Imbiss und Getränken
und kurzen Wortwechseln und Wünschen. Zum Schluss werden harmonische
Gesänge gesungen. Die Struktur ist wiederum polar und bezieht sich
auch auf den Jahreswechsel: das alte Jahr wird aufgelöst, ein neues,
harmonisches wird eingeleitet.
Es ist erstaunlich diese seltsam dekorierten Figuren in dieser ländlichen
Landschaft zielbewusst und organisiert herumlaufen zu sehen. Man braucht
Stöcke um mit der aufwendigen Montur nicht auf den winterlichen Wegen
auszurutschen.
Die Schön-Hässlichen ('Schön-Wüeschte')
Die 'Schön-Hässlichen' (Schön-Wüeschte) scheinen eine
autochthone Gegenüberstellung zu sein zu den Hässlichen indem
ein ästhetisches Element (pro-portion) als Kontrast dient, wie sich
dies hier mit der Kopfbedeckung zeigt. Der Hut besitzt einen schweren und
formal klar definierten Unterteil von dem aus ein natürlich gehaltenes
Pflanzenbüschel nach oben vorspringt, das obere 'pro' der 'Portion'
unten. Dieses aesthetische Elementarprinzip ist auf der ganzen Welt verbreitet,
bei traditionellen wie historischen Kulturen und spielt immer eine wichtige
Rolle meist im Sakralbereich, wie etwa im Falle der griech. Akroteren oder
bei den Pflanzenkapitellen des ionischen, korinthischen und altägyptischen
Stils.
Einige der Kopfbedeckungen zeigen Stallhütten der Bergzone oder typische
Bauernhäuser der Kulturregion Appenzell. Die Materialien der Kleider
sind natürlich wie im Falle der Hässlichen (Wüeschte), aber
sie sind kunstvoll strukturiert. Einige Figuren zeigen fein ausgearbeitete
dekorative Teile am Rücken (siehe weiter unten). Die Figuren stehen
vor der Tür und singen.
Typische Fassade eines Appenzellerhauses. Eine Gruppe von auswärtigen
Fest-Besuchern hat sich der Gruppe von 'Schönwüeschte' angeschlossen.
Sie hören dem Gesang zu.
Im Vordergrnd zwei Figuren mit reich dekorierten Kleiderflächen. Der
Mann links trägt einen Strohmantel, etwas das man in Agrargesellschaften
verbreitet noch kennt. Ein Teil ist mit Tuch belegt, an dem Schneckenhäuser
in regelmässiger Verteilung angebracht sind, wohl ebenfalls in Anspielung
an das Architekturmotiv. Beachtlich ist dass die Basis der Kopfbedeckung
ähnlich gerundet ist wie im Falle der Schönen.
Die Kleider sind reich geschmückt mit Materialien, die wir heute nicht
mehr mit dieser Art der Anwendung zusammenbringen. Es sind Flechten, Tannenzweige,
getrocknete Farne, kleine und grosse Tannenzapfen, getrocknete Blumen usw..
Bei den Figuren rechts sind die Häuser auf der Kopfplatform klar ersichtlich.
Am erstaunlichsten ist der 'Hut' links im Bild. Tannenzapfen sind zum Teil
in der unteren Fläche der Kopfbedeckung angeheftet. Einige Tannzapfen
streben demgegenüber fast senkrecht aus dieser Ebene nach
oben. Sie bilden einen starken Kontrast. Mit unserem architekturanthropologischen
Hintergrund ist es nicht schwer zu erkennen woher das Modell für diese
Gestaltung kommt. Es ist von 'semantischer Architektur' abgeleitet, von
dessen autonomer 'kategorialer Polarität' und dem entsprechenden harmonischen
Ausdruck. Die beiden ganz verschiedenen Hutformen mit den Häusern
rechts und den Tannzapfen links gehören also in die gleiche Grossfamilie
von Architekturformen.
Jeder Kunsthistoriker würde solche Dekorationen naiv bäuerlicher
oder primitiver Kunst zuordnen. Aber andersrum könnten wir auch den
Kunsthistoriker als naiv bezeichnen. Seine Engstirnigkeit misst den Wert
solcher Kreationen mit seinen eigenen Renaissance Idolen à la Lionardo
oder Michelangelo. Er hat nicht das leiseste Verständnis für
die Werte dieser sehr viel älteren, ruralen Gesellschaft und fällt
in die städtische Falle der apriori Abwertung, was nicht zuletzt ein
schwerer Verstoss gegen wissenschaftliche Objektivität ist.
Die hier verwendeten Materialien sind ein Indiz für hohes Alter. Nicht
faktisch sondern im Sinne der Tradition. Das Objekt ist gewollt von hohem
Alter. Originalität wird nicht in Anlehnung an das mittelalterliche
Konzept des Schöpfergottes, subjektiv verstanden sondern sozial und
zeitlich. Das Objekt stellt die Wiederherstellung einer ursprünglichen
Form dar und das gilt für das gesamte Fest. Die sogenannt 'naiven
Darstellungen' des bäuerlichen Lebens stellen dieses in eine grosse
zyklische Kontinuität in welcher individuelle Glorie oder Erfinderkraft
keine Bedeutung hat.
Ein ähnliches Arrangement im Kleid eines anderen 'Schön-Wüeschte'.
Die Oberfläche besteht aus Nüssen verschiedener Grösse und
Farbe. Die gestalteten Oberflächen haben etwas seltsam Altehrwürdig-Schönes.
Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Alpaufzug. Wir sprechen damit
auch von etwas, das weder in der Ethnologie noch in der Volkrskunde zum
Zuge kommt, von einem hohen Grad lokaler Autonomie. Doch, in Zeiten einer
zunehmend totalen Interdependenz wird das als Wert gar nicht mehr perzipiert.