DIE HÄSSLICHEN UND DIE SCHÖNEN
Sylvester-Philosophie eines Schweizer Städtchens
(Urnäsch, Kt. Appenzell)
Ein Photo Report
Von Nold Egenter
EINLEITUNG
Urnäsch ist nicht eine Kleinstadt im urbanen Sinn. Es ist vielmehr ein Dorf, das vor nicht allzulanger Zeit einen dichteren Kern mit zentralen Funktionen entwickelt hat für die Gegend, die herkömmlich durch disperse kleinmasstäbliche aber sehr spezifische Bauernhöfe gekennzeichnet ist. Diese 'Zerstreutheit' der Häuser gilt auch für den ganzen Kanton Appenzell im östlichen Teil der Schweiz. Es ist eine sehr spezielle Region die im Westen begrenzt ist von der mittelgrossen Schweizer Stadt St. Gallen, mit ihrer sehr alten katholischen Tradition, mit einer grossen und künstlerisch reichen Kirche und einem der ältesten Klöster. Im Norden ist die Appenzeller Region begrenzt durch das Südostufer des Bodensees, nach Osten durch die Mündung des Oberrheins und die österreichische Grenze. Im Süden dehnt das Land sich aus bis zu den Churfirsten, der recht schroffen Bergkette nördlich des Walensees. Nicht nur die oft weit auseinanderliegenden Häuser sind typisch, auch die Häuser selbst haben ihren eigenen Charakter und unterscheiden sich massgeblich von anderen Bauernhaus- traditionen der Schweiz. Auch die Bevölkerung hat ihre eigene Art, sei es hinsichtlich des Sozialen und der Lebensweise (praktisch jedes Haus ist zugleich Restaurant). Die Männer etwa sind zu Festzeiten recht farbig gekleidet, anders als in anderen Gegenden, ebenso haben die Appenzeller seit alters her ihre eigenen Hunde. Der Kanton ist auch weltweit in Rahmen der Demokratie-Geschichte berühmt, denn die Bevölkerung trifft sich heute noch auf einem offenen Platz im Ort Herisau um an der sog. Landsgemeinde nach alter Tradtition durch Handerhebung Stimmvorlagen zu entscheiden.Auch die Sylvester Bräuche von Urnäsch sind von ganz besonderer Art. Die Vermengung des offiziellen Begriffs (Urnäscher Sylvester-Kläuse) ist irreführend. Der Brauch hat kaum etwas mit dem in Mitteleuropa stark kirchlich beeinflussten vorweihnachtlichen Sankt Niklaus Brauchtum zu tun. Vielmehr wurden zum Teil vorchristliche Aspekte fibrokonstruktiver Demarkation bewahrt. Es gibt drei Typen von Figuren, die Hässlichen (die Wüeschte), die Schönen und die Schön-Hässlichen (Schön-Wüeschte). Die Hässlichen repräsentieren das wild Natürliche. Sie brechen recht ungetüm und in grotesk-anthropomorpher Form in die alltägliche Wohndomäne ein. Ihre Gesichter sind furchterregende Fratzen. Zwei weitere Gruppen bringen, wie ihr Name sagt, ästhetische Momente ein. Die Schön-Hässlichen, bleiben den Naturmaterialien der ersteren verwandt, zeigen aber bäuerlich 'gehobelte' Dekorationen oder sehr alte polar-harmonische Traditionen. Eine dritte Gruppe, die Schönen, haben die geschichtlich hochkulturlich-städtische Aesthetik importiert und bilden entsprechend starke Kontraste mit den Hässlichen Figuren. Auch mit der immer noch recht ländlichen Winter-Umwelt gehen sie reizvolle Beziehungen ein. Sie sind auch dem Geschlecht nach differenziert. Die Frauen tragen stark farbige barock-dekorative Aufbauten herum, die Männer haben meist schön gezimmerte Hausmodelle auf einer ebenfalls barock gekurvten Kopf-Platform. Vieles spricht noch stark die Sprache einer polarharmonischen Weltsicht.
Im Gegensatz zu den engstirnigen Kategorien in den modernen Architektenköpfen, die den Menschen in ihre Schachtelwelt zwingen wollen (wie das vorgehende Beispiel des Zürcher Architektur- Missionars im Appenzell zeigt) wurde das Material hier angeführt, weil es eine sehr weitere Auffassung von Architektur zeigt. Es ist ein Architektur- und Raumverständnis, das in etwas hineinreicht, was wir als Religion bezeichnen, als Philosophie verstehen oder einfach als Weltbild einer bestimmten Gegend interpretieren. Dies ist gerechtfertigt insofern als die Figuren, mit denen wir es zu tun haben, ihre Ursprünge ohne Zweifel in der Tradition von territorialen Demarkierungen haben, oder in dem was wir im architektur-anthropologischen Rahmen 'semantische Architektur' nannten. In diesem Sinne ist das Brauchtum eng bezogen auf die Häuser der Gemeinde und die Familien, die dort einen Teil der Sieldung bewohnen. Für gewöhnlich werden solche Traditionen - auch im Rahmen sog. Wissenschaften - mit klerikalen Überlebseln des Mittelalters interpretiert. Die Verhaltensweisen werden auf primitive Glaubensweisen zurückgeführt. Aber das ist ein scholastisches Vor-urteil, das man benützte um für die Bevölkerung die Notwendigkeit der christlichen Bekehrung zu begründen. Hier wird das Brauchtum auf neue und sehr viel mehr objektive Art interpretiert. Sie werden in den Rahmen des umelweltlichen Verhaltens und Ordnens gestellt, oder präziser, in den Rahmen der Anthropologie des Habitats und der Architektur.
In einem weiteren Sinn und speziell mit Blick auf die Fächer Ethnologie, hochkulturelle Volkskunde und Sozialanthropologie ist es ein Versuch, herkömmliche Theorien über traditionelle Siedlungen in Frage zu stellen. Etwa jene die mit apriori Konzepten von 'primitiv', oder 'Dritte Welt' usw. arbeiten. Solche Konzepte haben in unseren Augen traditionelle Kulturen enorm verzerrt, abgewertet. Die gängigen Bilder sind letztlich Ausdruck dessen was wir anderswo als 'Dichotomie des Ruralen und Urbanen' beschrieben haben. Es ist offensichtlich dass die Dorftradition, die wir im folgenden beschreiben sehr hohe sozialpsychologische Werte in die lokale Siedlung einbringt hinsichtlich der Identifikation der Bewohner mit der Gemeinde in der sie wohnen.
Urnäsch und seine Landschaft
Urnäsch by night! die Häuser sind entlang der Hauptstrasse und gegenüber der Kirche zusammengerückt. Einige bieten Touristen Zimmer an. Es gibt einige Restaurants und Läden. Der Baustil der Häuser ist jedoch traditonell geblieben wie in den verstreuten Bauernhäusern der weiteren Gegend. Die Konstruktion ist hauptsächlich aus Holz, der unterste Stock ist heute meist Backsteingemäuer oder Beton. Typisch sind die seriellen Fensterreihen auf jedem Stock.


Die Hässlichen
(die Wüeschte)


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