ELEMENTAR-ÄSTHETISCHE ZEICHEN,
NUKLEARE GRENZEN UND
STRUKTURMODELLE
WIE LEBTEN
PALÄO-SIBIRISCHE WILDBEUTER
IN IHRER UMWELT?
Notizen
zu räumlichen, ästhetischen und metaphysischen
Aspekten der Ainu-Kultur
im Norden Japans
Von Nold Egenter
Arch. ETH-Z und Architektur-Anthropologe
Kleine Einfürung
In der Architektur- und Habitat-Anthropologie geht es wesentlich darum, die hominoiden und hominiden Voraussetzungen dessen, was wir kulturgeschichtlich als Architektur und Habitat verstehen, entwicklungs- theoretisch zu klären. Methodologisch grundlegend ist eine neue anthropologische Definition der Architektur (Egenter 1992) und die von Wernhart (1981) propagierte Strukturgeschichte (ethno-prä-historische Methode). Sie stellt der Geschichte der datierten Quellen ein mehr auf prozessuale Kontinuitäten gerichtetes Interesse zur Seite. In Anlehnung an diese methodologische Erweiterung wurde in einer kürzlichen Arbeit die anthropologische Definition der materiellen Kultur vorgeschlagen (Egenter 2001). Ziel der Forschungen ist einerseits Abbau der aesthetisch beliebigen kunsthistorischen 'Architekturtheorien' (Krufft, Germann) und ihre chaotischen Wirkungen auf die moderne Umwelt (Kähler). Zum andern geht es um die Einführung der bisher kaum wissenschaftlich untersuchten Architektur in die kulturanthropologische Diskussion (Egenter 1992). Der Aufwand ist getragen von der Ueberzeugung, dass die neuen Parameter das Verhältnis Mensch und Architektur in neuem Licht zeigen, was auch der Kulturforschung neue Impulse zu geben vermag. Menschlicher Raum und konstruktives Verhalten scheinen auch kulturanthropologisch grundlegende Gesichtspunkte zu sein.
In diesem Rahmen hat sich der Autor ethno-prä-historisch, mit Schwerpunkten
in Japan, Indien, aber auch Euro-Mediterran und hinsichtlich des Alten
Orients und Aegyptens (Narr'sche Diagonale, -> Egenter: Software for a
soft prehistory 1986) mit einem Phänomen zentral beschäftigt,
das man früher in der Religion ethnographisch als Fetisch und dgl.,
historisch als Lebensbaum, volkskundlich als Maibaum etc. bezeichnete und
im Rahmen primitiver Glaubensweisen einordnete. Die eigene Arbeit nähert
sich dagegen solchen Demarkationen dezidiert von Architektur- und Raumproblemen
her. Wichtig ist O. F. Bollnows phänomenologische Raumanthropologie
(Raum als Ableitung vom siedlungs-genetischen Verb 'räumen', siehe
'Mensch und Raum', 1963). Die Sicht orientiert sich somit objektiv an der
Sache ('semantische Architektur') und an den entsprechenden Siedlungsbedingungen
('Siedlungskern-Komplex').
Fibrokonstruktive 'topo-semantische' Architekturen sind technisch (Hand
als erstes Werkzeug) zweifellos sehr alte Traditionen und lassen sich theoretisch
mit den frühesten Artefakten verbinden, das heisst mit den auf rund
22 Millionen Jahre zeitlicher Tiefe schätzbaren prälithisch-fibrokonstruktiven
Industrien (-> Yerkes 1929, 'constructivity', -> Nestbau der Pongiden).
Architekturtheoretisch gesehen stellt 'semantische Architektur' die
herkömmlichen 'Urhütten'-Theorien in Frage (Rykwert 1972). Das
sog. 'Dach über dem Kopf' wäre als funktionale Rückprojektion
einzustufen. Als primär wären vielmehr von hominoiden und frühen
hominiden Gruppen für eine Nacht routiniert errichtete Nightcamps
anzusehen. Durch klimatische Veränderungen (vor 16 bis 11 Millionen
Jahren) hätten in Afrika die aus wurzelndem Material gefertigten tektonischen
Bodennester gegenüber den atektonischen Baumnestern zunehmend als
vollwertige Bauwerke eine entscheidende Rolle gespielt (Egenter 1982).
Daneben hätte man auch einfachste Orts- und Wegzeichen als semantisches
Element theoretisch einzubeziehen (Savage-Rumbaugh et al. 1996).
Mit diesem Material lässt sich ethno-prä-historisch (Wernhart
1981) und primatologisch-paläanthropologisch verklammert eine neue
Komponente der Vorgeschichte erschliessen, die herkömmlich nicht in
Erscheinung trat, weil sie materiell nicht dauerhaft war: prälithisch
fibrokonstruktive Industrien, resp. entsprechende Methoden der Erstellung
von nuklearen und peripheren Demarkationen. Sie rücken ein neues,
wichtiges Phänomen ins Zentrum der Vorgeschichte, die Entwicklung
des Wohnens, des Siedelns (-> Man the domesticated species, Wilson J.P.
1988).
Die folgende Untersuchung präsentiert ein Beispiel dieser Arbeit,
die Rekonstruktion der räumlichen Organisation der Ainu, einer bis
vor kurzem noch weitgehend intakten paläosibirischen Sammler- und
Jägergesellschaft, die im Norden Japans, auf Hokkaido, in Süd-Sachalin,
auf den Kurilen und in Südkamchatka lebten. Es geht um den Aufweis
eines von der neueren Architekturforschung entwickeltes ethno-prä-historisches
Verfahren der Raumanalyse, das unter geeigneten Umständen auch auf
archäologisch erarbeitete Siedlungsordnungen oder Höhlensituationen
angewendet werden kann.